°descriptio°:
Heute ist der letzte Samstag vor dem ersten Advent und direkt nach verfügungsreifer Gutschrift der Lohn- und Rentenbezüge.
Wir sind spät dran gewesen. Und ich kann noch nicht mal sagen, warum das so gekommen ist. Erst nach 11:00 Uhr sind wir zum Aldi Dannekamp getuckert. Die alten Tantchen waren dran mit der Auffrischung der Sonderverpflegung. Im städtischen Pflegeheim an der Graf-Adolf-Straße in Wattenscheid ist zwar insoweit alles in bester Ordnung. Nur leider werden Leckereien nicht so üppig kredenzt, wie die Tantchen es bedürfen. Aber dafür gibt’s ja Taschengeld. Frau Buttny z. B. hat nach anderthalb Wochen ihren Deckel in der Cafete rund gezischt. Mit Pilsken, aber nicht aus der Pulle sondern schön gepflegt aus der Tulpe mit Papierkragen. Sie kam zusammen mit der Frau Loßacker drauf, als es draußen ziemlich warm wurde. Was in diesem Jahr nicht allzu oft passierte. Und wenn’s draußen warm ist und man selber nicht raus kommt, schmeckt so’n kühles Blondes drinnen im kühlen Schatten mindestens genauso gut.
Heute war der kühle Schatten allerdings draußen. Bei 0°C gemessener Aussentemperatur und -10°C gefühlter Lufttemperatur sind wir nach Essen gegurkt um uns das Gelände der Kokerei Zollverein mal kostenlos anzuschauen. Umsonst war’s auch. Aufgrund des Nebels, der, weil er gefroren war, direkt Frostbrand auf der freiliegenden Haut verursachte und sich durch die Kleidung fraß wie ätzende Säure, haben wir unseren Aufenthalt, der nur ca. 1 1/2 Stunden dauerte, auf ein für uns erträgliches Mindestmaß ausgedehnt.
Dass dann keine große Anzahl an Bildern zustande kommt, ist klar. Aber manchmal ist ja weniger schon wieder mehr.
°loco°
°ego sententiam°
Die größte Kokerei der Welt, so wird die Anlage vollmundig von den jetzigen Betreibern beschrieben. Und das Etikett „Weltkulturerbe“ soll zudem bei der Vermarktung der sanierungsbedürftigen Grundstücke den Marktpreis nach oben katapultieren. Gewerbe, dass sich dort ansiedeln will, muss dann wohl erstmal ziemlich tief in die Tasche greifen. Denn die Vermarktung wird von der RAG Tochterfirma Immobiliendingens forciert. Der Mutti gehörte ja einst der ganze Plunder. Oder hat ihn zumindest weitesgehend verwaltet. Was auf’s Gleiche raus kommt. Und jetzt ist der Schrottplatz ein riesiges Museum. Wie die ganze Umgebung hier. Was voraussehbar war, wie man uns sagte. Und diejenigen, die einst die weissen Helme auf hatten und für richtig teuer Geld vor Ort dumm rumschwätzen durften, haben jetzt ’n schwarzen Anzug an und machen heute auch nichts anderes. Das kann man an den klassischen amerikanischen Vermarktungsstrategien erkennen: ein Riesenrad im Industrial-Design (immer alles dahin, wo’s hinpasst …), nervtötende und augenkrebserzeugende Bandenwerbung, hochglanzlackierte Reparaturanstriche an rostzerfressenen Eisenteilen, Sicherung und Eingrenzung der ehemaligen Mitarbeiterwege für zahlende Gäste und deren Gefolge, überkandidelte und gar nicht authentische Sanierung von ansonsten hoffnungslos ausgelutschten Gebäuden usw.
Das alles entgegen der Vorgaben der UNESCO, die anscheinend nicht wirklich gegen die RAG ankommt um denen die Daumenschrauben anlegen zu können, um der unflätigen und niederträchtigen Leichenfledderei Einhalt zu gebieten. Denkmalpflege wird hier von der RAG allein aus historisch veranlagten und immer noch rein kommerziellen Gründen anders verstanden. Das Geld, was die bei den Immobilieneigentümern aufgrund der erpressten Haftungsausschlüsse aus weiteren zu erwartenden und von der RAG zu beseitigenden Bergsenkungsschäden eingespart haben, stopfen die jetzt in ein Objekt, das allein wegen seines imposanten Umfangs schon zu Lebzeiten alle Rekorde getoppt hat. Warum soll man das nicht gewinnbringend weiter so fortführen. Vor allem macht die Leiche keinen Dreck mehr.
Hier sollen schlußendlich Touristen aus aller Welt und vor allem zahlungskräftiges Gewerbe angezogen werden um soviel Taler wie möglich aus der dauerhaften Aufbahrung der Toten raus zu holen. Der Stadt Essen und seinen Bewohnern wird’s sicher gut tun. Andere Städte in der Region ziehen nach. Bis auf Wanne. Die haben nur eine Künstlerzeche und einen kaputten Malakowturm. Allerdings auch ein ehemaliges Zechengelände, auf dem heutzutage die alljährliche und für die Stadt Herne äusserst lukrative Cranger Kirmes stattfindet und auf dem täglich Hundebesitzer ihren Fiffi ausführen können. Damit ist allen gedient.
°illustrationen°:















°navigation auxilium°
… man könnte auch Navigationshilfe drauf sagen. Ab hier geht’s irgendwie weiter …





