°descriptio°:
Eigentlich sollte der heutige Besuch auf dem Museumsschrottplatz (für mich) nur ein Testlauf werden. Ich hatte gelesen, dass am Freitagabend des folgenden Wochenendes die Bude abends schick illuminiert werden würde. Und da kann man ja mal vorab bei Tage fein Auge machen, wo man sich dann günstigenfalls die beste Position für’s Stativ sichern müsste, bevor man für 70 Taler !!!! 👿 in einer Gruppe mateteetrinkender Tofuschnitzelfresser, die eigentlich auch nur mit ihren sündhaft teuren Caniconkombinationen protzen wollen, einem selbsternannten Fotoguru hinterherhechelt. Aber das Schatzi hatte am Stichtag dann doch keine wirkliche Ambition gehabt, an der LightShow teihaben zu wollen. Nagut, dann eben nicht.
Mal wieder unter einer gewissen Anspannung betraten wir das Gebäude, zahlten artig unseren Obulus in Höhe von 4 Talern pro Nase, nahmen dankend den Geländeplan entgegen und stapften durch die Halle zum Ausgang, der uns auf’s Aussengelände führen sollte.
In dieser ersten (Durchgangs)Halle wurde der üppige Platz dafür verwendet, dem Initiator dieses begehbaren Schrotthaufens, Bertholt Socha, für dessen rein schwarzweisse Bildchen ein beschauliches und unübersehbar würdiges Plätzchen zu sichern.
Man muss einfach nur in der Schule mal besser aufgepasst haben als andere, dann die Kunst als solche für sich als Begrifflichkeit zu entdecken, seine Redegewandtheit auf Schwachsinn einzustellen um damit die Idee, einen wertlosen Schrottplatz als begehbares Museum herzurichten, den maßgeblichen Investoren als Geschäftsidee zu verticken und sich gleichzeitig damit ein Denkmal setzen zu können.
Mir fehlten nicht vor Ehrfurcht die Worte, als wir die mit zeitlosen Graustufenbildern geweihte heilige Halle auf der durch die trostlos-farblosen Hindernisse geführte Zwangsroute durchschritten.
Am rettenden Ausgang zum Freigelände angekommen ließ uns der Lorenz dann direkt wieder rechts in die menschenleere Gebläsehalle abbiegen. Da konnten wir uns erstmal ausreichend selbst austoben. Wenn nur nicht immer wieder dieser subtile Streß allgegenwärtig wäre …
Mir soll keiner erzählen wollen, dass die Stahlproduktion mangels Masse aufgegeben worden sei. Die Produktion an sich war nur schlußendlich viel zu teuer geworden und die Geldgeber – Aktionäre und Banken – sollten keine Verluste einfahren. Rendite heisst das Zauberwort. Die konnte man hier mit den alten Schmelzöfen wohl nicht mehr ausreichend einfahren. Und die Chinesen als aufstrebende Wirtschaftsmacht hatten zudem äusserst gesteigertes Interesse an den hiesigen Anlagen angemeldet. Also hat man den meisten noch brauchbaren Plunder hier – soweit möglich fein säuberlich – abgeschraubt und nach Peking verschickt um das Zeuchs da 1:1 wieder aufzubauen. Der Rest ist verschrottet worden um den auch diekt in den ostasiatischen Hüttenwerken einschmelzen zu lassen. Was hier stehen geblieben ist, ist eh nicht mehr von brauchbarem Interesse. Und bevor’s verschrottet wird, kann man den mittlerweile arbeitsscheuen Hinterbliebenen der gewaltigen Ära mal zeigen, was richtige Maloche war.
Hier und da lassen sich noch die Aufkleber finden, die Aufschluß über den Ausschluß von Handelsgütern geben. Denn nicht alles wollten die Chinesen hier abgreifen. Und aus verständlichen Gründen auf gar keinen Fall den alten Elektroschrott.
Bei unserem Gang über das Gelände trafen wir auch auf das eine und andere Exponat eines uns bislang unbekannten Malers. Unseren Recherchen zufolge hatte er 4 Jahre lang in der Schwuchtelstadt Köln auf so’ner Flachhochunität Kunst stukkadiert, mit Hilfe eines Stipendiums vom Akademischen Austauschdienst (die wollten den wohl hier los werden …) ein paar Jahre in Südamerika und in Italien rumgegammelt um sich dann nach eigener Aussage mit Lackpot, Pinsel und Leinwand an der Abbildung verschiedener Industrieobjekte zu versuchen. Allerdings hat er die Objekte seiner Begierde vorher mal eben abfotografiert, um die dann nachzumalen. In der Schule haben wir sowas auch mal im Kunstunterricht gemacht, also irgendwas vom Blatt abgemalt. Und wenn ich Langeweile hatte, hab ich das sowieso gemacht. Meistens im Chemieunterricht, war damit aber nicht wirklich erfolgreich ….
Mit Hilfe seines berühmten Schauspielbruders (ich hab‘ allerdings noch nie was von dem gehört …) ging’s dann unaufhaltsam zügig und vor allem scheinbar voran:
Calvelli ist für seine scheinbar photorealistischen, aber oft auch subtil verfremdeten Darstellungen aus der Welt der Industrie, des Bergbaus und der Schifffahrt bekannt.
Er stellt gleichermaßen produzierende und stillgelegte Anlagen in einer rein ästhetischen Sichtweise dar, die auf jede Ideologie und Interpretation verzichtet. Damit macht er die sonst verborgenen fundamentalen Elemente unserer Industriegesellschaft sichtbar, setzt aber auch Denkmäler für jene [Arbeitswelten], die im Aussterben begriffen sind.
Nicht umsonst hat der Bertholt also dem jungen aufstrebenden Maler die Schanze gegeben, das eine oder andere Gemälde in einer Dauerausstellung auf seiner nicht immer ganz so liebreizend gestalteten Hochofen-Show zu verewigen. Bertholt fand wohl das malerisch-bunte Gepinsel ganz schick und wirkungsvoll kontrahierend zu seinen eigenen Garagendunkelkammerentwicklungen. Schon allein deswegen, weil der Maler die Brocken – wie der Bertholt – erst noch vorher fotografiert hat. Ein ehrwürdiger Doppelkünstler isser quasi, der Calvalli. So meint zumindest der Bertholt. Der muss sowas wissen, der ist seit seiner Kindheit mit ’ner Knipskiste unterwegs, hat ’n Knipskistenfreundeverein gegründet und ist hauptamtlich Vorsitzender in irgendwelchen ganz wichtigen Knipserclubs …
Nach den scheinbar fruchtbaren Episoden hat Calvalli nun eine scheinbar feste und sichere Anstellung als Stadtmaler in Leverkusen bezogen. Leverkusen gilt wegen der Erträge seiner Giftmischerindustrie immer noch als wohlhabende Stadt und kann sich die Finanzierung solcher Jobs wohl gut leisten ….
°loco°
°ego sententiam°
Wir wissen nicht, was so ein scheinbarer Stadtmaler für scheinbare Aufgaben hat. Auf seiner Internetpräsenz wird er mit einer überschwenglichen Laudatio anlässlich irgendeiner unbedeutenden Ausstellung feste gefeiert. In mir werden die nachhaltig wirkenden Erinnerungen eines Besuchs der Dokumenta in Kassel wach …
Das Schatzi ist deshalb jetzt auch auf der Suche nach Angehörigen, die den Weg zu einer Ausstellung ebnen könnten. Zumindest erstmal den Weg zu irgend so’nem Industrieschrottplatz, auf dem die altehrwürdigen Vorfahren tüchtich malocht haben und zu dem wir deshalb dann ohne Eintritt Zutritt bekommen. Ihr Großonkel Horst Szymaniak hat seinerzeit 8 Jahre auf’m Pütt Ewald Fortsetzung geschackert. Die Bude ist schon lange dicht, liegt aber – wie Datteln und Waltrop – nah dran. Erkenschwick hat zudem zwar das beschauliche Brinksknapp aber nur leider noch keinen eigenen Autobahnanschuß.
Im Übrigen haben wir auch hier festellen müssen, dass man Industrieschrott nur bedingt wirkungsvoll in Szene setzen kann. Aber hier ist es immer noch etwas besser gelungen als auf der ehemaligen Vorzeigezeche Zollern. Dort hat man einfach den unbrauchbar gewordenen Untertageschrott auf einen Haufen geschmissen. Hier sieht’s aus, als wenn gerade „Mittachspause für alle“ ist.
Und weil wir genug Zeit und nur ganz wenig Publikum hatten, konnte ich mich hier auch wieder etwas intensiver mit Panorama-Aufnahmen beschäftigen …
°illustrationen°:
°navigation auxilium°
… man könnte auch Navigationshilfe drauf sagen. Ab hier geht’s irgendwie weiter …






















































