2017-12-29 – Herdfabrik und Eisengiesserei Herne

2017-12-29 – Herdfabrik und Eisengiesserei Herne

°praeteritum°

Eduard Gessmann, der Erfinder und Hersteller von Drahtseilen für Förderkörbe, ist in die Geschichte der Industrieregionen Rhein/Ruhr, Iburg/Osnabrück und darüberhinaus eingegangen. Er ist der Gründer der Herner Drahtseilfabrik und der Herdfabrik und Eisengiesserei Herne.

1897 – Herdfabrik Herne – Errichtung der Werksgebäude

Über Jahrzehnte wurden in seinen Unternehmen viele Herner beschäftigt. Der industrielle Aufschwung der Stadt Herne zum Ende des 19. Jahrhunderts ist unter anderen auch ihm zu verdanken. Seine Grabstätte auf dem Hauptfriedhof Herne aus dem Jahr 1923 wurde auf Antrag 1998 von der Unteren Denkmalbehörde als Denkmal anerkannt und von der Stadt Herne in die Liste der Herner Denkmäler eingetragen.

Die Gründung der Herdfabrik und Eisengiesserei Herne erfolgte im Jahr 1897. Die Umwandlung zur Aktiengesellschaft dann im Jahr 1922.

1922 – Herdfabrik Herne nach der Fertigstellung -Lithografie

Auf Auktionen kann man sogar noch die damals 1000 Mark teuere und heute völlig wertlose Aktie für knapp 80 Euro ersteigern.

1.000 Mark Aktie der Herdfabrik und Eisengiesserei Herne aus dem Jahr 1923

Geschäftszweck war dem Namen nach die Produktion von Kochherden (Kohle-, Gas- u. Elektroherden), zudem Kombi-Herdöfen und Gaskochern. Nach 1946 kamen auch Ölöfen und Kühlschränke ins Programm. Die Jahre der fortschreitenden Technisierung- und Modernisierung ab den 1960-ern hat man schlichtweg verschlafen. Während in Wohnungen die Zentralheizung und moderne Elektrogeräte Einzug hielten, bot man noch immer eine inzwischen veraltete Produktpalette an. Einbrechende Umsätze führten 1972 zur Schließung des Werkes, das bis dahin nur noch rund 100 Mitarbeiter beschäftigte. 1975 wurde die Abwicklung beendet, die AG erlosch.

Nach dem Ende der Herdfabrik hatten sich in den weiltäufigen Gebäuden das eine und andere Gewerbe angesiedelt. Zumindest konnte man aufgrund der verbliebenen Verarbeitungs-Überreste und Kleinmaschinen (ein Kettenstemmer zeugt von der Bearbeitung von Türen) von erkennen, dass zumindest ein Fensterbauer sich (neben rudimentärer Schreinerarbeiten) hauptsächlich mit der Herstellung von Kunststoff-Fenstern dort eingenistet hat: ein riesiger Haufen von Kunststoff-Rahmen liegt dort immer noch rum. Mein Eindruck ist, dass alle nach der Stillegung gefolgten Mieter sich allein deswegen nicht lange dort halten konnten und wollten, weil die Bausubstanz immer schneller immer maroder wurde. Und als Mieter steckt man sein Geld nicht in die Erhaltung der Immobilie anderer Leute. Heute sind die aus Holzbalken gespannten Dächer verrottet und größtenteils eingestürzt. Was einen Besuch nicht ungefährlich werden lässt.

Das war die Geschichte des heute verlassenen Ortes.

°descriptio°

Jetzt kommt die Geschichte, die wir heute mit und an diesem verlassenen Ort erlebt haben.

Anfängliche und unvorhersehbare Anlaufschwierigkeiten machten den Aufbruch zu einem neuen Abenteuer zu einer Zerreissprobe: Schatzis Stirnband war nicht aufzufinden. Das musste heute dringend zum Einsatz kommen. Es war zwar sonnig mit strahlend blauem Himmel und nur ein paar vereinzelten Wölkchen. Aber windig. Und der Wind war kalt. Sehr kalt. Ohne Stirnband hätte das Schatzi die Tour keinesfalls angetreten, weil der Wind ihr die Kopfhaut vom Schädel gerissen hätte. Mir ging’s ähnlich. Ich hab empfindliche Ohren. Da hilft aber kein Stirnband.

Als es dann doch endlich aus den unergründlichen Tiefen des Rucksacks auftauchte, war die Stimmung auch nicht viel besser. Weil das Dingen ja zwingend angelegt werden musste, um nicht einem windigen Kältetod zu erliegen. Um eine passabel ausgehfeine Wirkung mit dem Bekleidungsaccessoire zu erzielen, bedurfte es dann nochmal mindestens genauso lange wie die Suche nach dem Teil gedauert hat.

Die Fahrt dorthin dauerte dagegen nur einen gefühlten Katzenspung.

Am Ziel angekommen fragte ich das Schatzi, ob sie sich denn trauen würde. Also die „heiligen Hallen“ zu betreten. Sie stimmte zu, machte aber deutlich, dass sie keinesfalls höher als Erdgleiche steigen würde.

Keine Dächer. Wir gehe NICHT auf Dächer oder Treppen oder was höher als eine Stufe ist.

Damit war die Grundsatzfrage zur bevorstehenden Sachlage dann geklärt.

Durch eine fehlende Glasfüllung einer Erdgesschoß-Aussentür schlüpften wir in das Innere des Verwaltungsgebäudes. Und standen in einem garagenähnlichen Raum. Der zunächst keinen weiteren Zugang zum Inneren der Hallen feilbot. Ich prüfte beherzt die Haltbarkeit eines mit Holzplatten verschlagenen Tordurchgangs. Die darin eingesetzte Tür ließ sich nicht öffnen. Abgeschlossen war die aber nicht. Auf der anderen Seite war nur der Drücker blockiert. Die an die Wand aufgeschraubten Platten konnte ich jedoch im unteren Bereich ein Stück weit von der Wand drücken, so dass das Schatzi hindurchschlüpfen konnte, ich aber ohne ihre Hilfe da nicht durchkam. Die Nachwehen der Reisevorbereitung steckten noch in ihr und sie bemerkte meine Hilflosigkeit erst nach freundlicher Aufforderung zur Mithilfe.

Und eh ich mich versah war sie dann auch schon weg. Verschwunden in den unergründlichen Weiten der alten Industrieruine.

Irgendwann trafen wir uns irgendwo wieder.

Zum Zeitpunkt unseres Eindringens hatte sich der Himmel schon reichlich bewölkt. Und zwischenzeitlich wurde es dann merklich dunkler, so dass die Belichtungszeiten der Intervallaufnahmen auch immer länger wurden. Zum Schluß hatte ich mit 30 Sekunden belichtet.

Und dann fing es an zu regnen. Was für uns das Signal zum Aufbruch war.


°loco°


°ego sententiam°

In der Bude ist die Zeit nicht stehengeblieben. Das kann man schon daran erkennen, das der Zahn derselben ständig an der Substanz nagt. Der grösste Teil der Gebäude ist bereits rettungslos verfallen und verrottet. Eine Reanimation ist dort keinesfalls mehr möglich.

2017-12-29 – Herdfabrik und Eisengiesserei Herne – Satellitenbild aus 2017 – Quelle: Google Earth Pro

Die Stadt Herne sucht angeblich derzeit nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für das Gelände. Allerdings muss da wohl auch der Eigentümer der Fläche und der Gebäude mitmachen. Ich weiss ja nicht, wie sich das verhält mit solchen Akteingesellschaften und deren Betriebsmitteln. Wenn so eine AG aufgelöst wird, dann werden doch bestimmt sämtliche Mittel liquidiert, also weiter vertickt und der Erlös an die Aktionäre ausgeschüttet. Demnach müsste die Hütte bzw. das Grundstück also an irgendjemanden verkauft worden sein. Möglicherweise sogar an die Stadt Herne. Der Verdacht liegt deshalb nahe, weil ich klingeln hörte, das die Stadt eine Umnutzung anstrebt. Aber in Zeiten leerer Kassen wird das wohl Utopie bleiben. Und die Ruine von ganz allein in Schutt und Asche fallen…

Bevor das jedoch passieren wird, nehmen wir bestimmt noch weitere Gelegenheiten wahr, dem Ort den einen und anderen Besuch abzustatten. Denn nur mit einem Blick ist es hier nicht getan. Ich hätte deshalb heute schon gerne ein Weilchen länger hier verbracht. Wenn das Wetter und die Beleuchtung mitgespielt hätten.

Und wie schon erwähnt, ist die Zeit nach der Stilllegung der Fabrik nicht stehen geblieben. Denn nach der Fabrikation von Herden haben sich andere Gewerbe hier angesiedelt. Die einduetigen Hinterlassenschaften eines schon recht üppigen Holz- und Kunststoffverarbeiters lassen darauf schließen.

Von den ehemaligen Maschinen und Anlagen der Herdfabrik findet sich hier so gut wie nichts mehr. Ausserdem ist die dem Lagerhaus gegenüber gelegene und mit Abstand größte Werkshalle bereits in der Vergangenheit bis zur Unkenntlichkeit abgerissen worden …


°illustrationen°:


°navigation auxilium°

… man könnte auch Navigationshilfe drauf sagen. Ab hier geht’s irgendwie weiter …