2019-02-13 – Krampfadern – Stunde der Wahrheit

2019-02-13 – Krampfadern – Stunde der Wahrheit

°descriptio°:

2019-02-08 – Anmeldung und Vorbesprechung

Anmeldung

Um die Operation in der Klinik machen zu lassen, muss man sich erst mal da anmelden und dann auch aufnehmen lassen. Die Anmeldung am vergangenen Freitag war eigentlich der gespielte Witz: ich hab einen gefühlten Wald Altpapier unterschrieben unter dem anscheinend wohlmeinenden Hinweis, den Schwachsinn nicht lesen zu brauchen, weil’s eh nur formell ist. Wenn jeder den geistigen Dünnschiß lesen würde, könnte man ohnehin nur maximal 5 Personen am Tag anmelden. Dafür reicht die Zeit also nicht. Ich hab den Unsinn mitgemacht und artig unterschrieben. Als die Frage nach der Krankenkasse kam, konnte die Dame mit „privater KV“ nix anfangen und erklärte mich als Selbstzahler. „Nene, ich zahl das nicht selbst. Die AXA zaht das. Ich bekomm‘ zwar die Rechnung von euch, die reiche ich aber bei der AXA ein, die prüfen das und wenn’s was zu meckern gibt bekommt ihr wohl von mir Bescheid darüber, capito?“. Die Dame konnte damit nicht so wirklich umgehen. Allerdings hatte ich bei dem ganzen Papierwust nicht dran gedacht, ihr die Kostenübernahmeerklärung der AXA zu zeigen. Nachdem ich dann mit der Anmeldung fertig war bin ich auf Station gedackelt. Im Aufzug begegnete mir einer, dem gerade die Krampfschläuche mit Laser verödet wurden. Der war guter Dinge, konnte top krauchen und war auch schon auf dem Weg nach hause. „Natoll …“ dachte ich zuversichtlich. Ich könnte bei Gelegenheit ja noch mal fragen, ob das bei mir auch Sinnn machen würde…

Auf Station schickte man mich dann mit Mappe und Pappe auf den Flur. Zum Warten. Bei Ärzten muss man IMMER warten. Auch wenn man einen Termin hat. Wenn ICH so gearbeitet hätte, hätte es gleich geheißen: jaja, der Handwerker, wenn der schon nicht pünktlich sein, dann kann der auch sonst nix …

Vorbesprechung mit dem Narkosearzt

Ich hatte bereits haufenweise Fragebögen ausgefüllt. Mehrfach sogar. Was aber anscheinend völlig lotti ist. Denn der Narkosearzt fragte den gleichen Scheiß nochmal um meine Antworten in SEINEN Fragebogen einzutragen. Ich lieferte mit dem Attest vom Meyer noch den Hinweis, dass ich psychisch nicht ganz auf der Höhe bin, deshalb aber keine Medikamente nehmen würde. Nur die Psyche eben, von der ich nicht weiß, wie die Narkosemittel auf die wirken. Der Arzt zuckte merklich, benahm sich kurz etwas vorsichtig distanziert, erklärte dann aber, dass die Narkose nicht auf die ohnehin schon malträtierte Hirnleistung schlägt. Statt dessen hat er mir die als „Traumreise“ verkauft. Das fand ich nett und es klang vielversprechend. Ich durfte mir also noch überlegen, wohin die Reise geht …

Vorbesprechung mit dem Operateur

Glieches Spielchen auch hier: die bereits beantworteten Fragen wurden wieder gestellt. Und auch diesmal in den persönlichen Zettel eingetragen. Kann sein, die wollen Zeit schinden, die die abrechnen können. Als ausführliche persönliche Geratung. Solln’se machen. Kann ja sein, dass sich bei mir während des Gesprächs noch Wünsche auftun, die erwähnungsbedürftig sind 😆

Ob ER der Operateur war hat sich mir nicht erschlossen. Er war auf jeden Fall erst mal der Ansprechpuffer, der mir in Einzelheiten erklären wollte, wie die Schläuche gerupft werden. Klang interessant. Aber ich wollte keinen Crash-Kurs in Medizin und  Operationstechnik …

Ich nahm seine Fragepause, in der er schrieb, zum Anlass, die alles entscheidende Frage zu stellen: „Könnse mir den rausgerupften Schrott nett konservieren? Ich würd mir die Schläche gerne in den Schrank stellen und nett illuminieren. Ausserdem is‘ das ja mein Eigentum. Und bevor ein Teil vorzeitig in die Verbrennung kommt, würde ich das ganz gerne noch solange aufbewahren, bis es mich in meiner Gesamtheit neiderstreckt. Dann kann man den Plunder immer noch mit verheizen …“.

Der Blick von dem sprach Bände.

Versprach mir aber, dass er das vermerkt. Ob’s machbar ist, liegt letztendlich dann an den Jungs und Mädels im OP-Saal. Wenn die Bock drauf haben, mir die Strippen einzutüten, wird’s wohl so sein. Na fein. Ich hab mal wieder was, auf das ich mich freuen kann.

2019-02-13 – Aufnahme und Operation

Ein Anfang mit Schrecken …

Morgens um 6:00 ist die Welt noch in Ordnung, so denkt man. Und damit das bleibt, hatte ich bei Amazon einen Scherkopfsatz für den Elektrorasierer gekauft und am Vorabend aufgeschraubt. Der erste Test war vielversprechend. Mit frischer Klinge sollte die Rasur wohl gut gehen.

Ich stellte mich also in aller Herrgottsfrühe in die Wanne und schrubbte erst das grobe Zeug mit der Langhaarsense runter. Dabei wurde mir schlecht. Weil, so schwule Beine hatte ich seit meiner Geburt nicht. Die wurden seit 50 Jahren nicht rasiert. Und jetzt DAS. Das ist sowas von niederschmetternd. Man fühlt sich einfach nur nackt und hilflos. Mit der Menge an Haaren hätte ich mir auch’n Pullover stricken (lassen) können. Oder Socken, die bis zur Leiste reichen. Dann hätte ich auch keine Stützstrümpfe gebraucht. Leider wr das Schatzi schneller, hat meine desolate Notlage ausgenutzt, die wertvollen Rohstoffe mit Küchenrollenpapier aufgenommen und im Küchenrundordner entsorgt.

So fühlen sich Beine an, die rasiert worden sind? Und das machen andere Menschen FREIWILLIG?

Die Hose trägt sich wie’n Müllsack.

Ich bereue gerade meine Entscheidung…

Aufnahme mit Doppelpuls

Die zweite Untersuchung im Dezember hatte einen eindeutigen Befund und die damit erforderliche Therapie ergeben: die Dinger müssen tatsächlich raus. Und genau DAS hat die AXA auch so mitgeteilt bekommen. Und die schicken mir daraufhin auch eine Kostenübernahmeerklärung, die ich heute bei der Aufnahme dann auch nochmal vorgelegt hatte. Weil ich als „Selbstzahler“ eingestuft wurde und ich vorsorglich der Klinik auf den Zahn fühlen wollte, dass die bloß nicht zuviel abrechnen. Ich lass den Scheiß prüfen. Und wenn da was abgerechnet wird, was die AXA nicht übernimmt, bezahl ich das auch nicht. Obwohl ich kein Kassenpatient bin erhalte ich bitte nur Kassenleistung. Was mir schon bei Abschluß des PKV-Vertrages Recht sein sollte. Weil’s beitragstechnisch wesentlich günstiger ist, als wenn ich Anspruch auf ein Einzelzimmer mit Chefarztpfötchendruck hätte. Kostentreibender Blödsinn, den sich kein normal Sterblicher leisten kann und auch nicht will.

Nach Durchsicht der Kostenübernahmeerklärung erklärte mir die Anmeldedame Frau Kirchhof, dass die AXA aber nur die Verödung aber keine OP bezahlt. Mir gefror das Blut und ich bekam dermaßen Puls. Wenn das jetzt schiefläuft muss ich nochmal auf einen OP-Termin warten. Und meine Geduld ist gerade doch etwas angekratzt. Ich hab kein’n Bock mehr auf Warten. Ich hab schon lange genug gewartet. Das muss JETZT – also HEUTE – wie geplant passieren. Sonst dreh‘ ich durch. Die Nerven liegen blank. Ich hab eigenltich kein Thema mit Operationen in Vollnarkose. Die Bandscheiben-OP verlief top. Die Weisheitszähne wurden auch ohne Nachwirkungen rausgerissen. Dann sollen diese Scheisskrampfschläuche doch wohl auch kein Problem sein.

„Moment noch eben. Ich klär das mal eben ab …“, stürzte mit den Worten aus dem Zimmer auf den Flur, bimmelte erst den Peter von der Agentur an und weil die um diese Zeit – morgens um 09:00 Uhr – noch im Dornröschenschlaf liegen, direkt dann Köln angefunkt. Das Gespräch wurde unterbrochen. Mit Doppelpuls dann noch’n Versuch. Die Trine am anderen Ende forsch über die akute Sachlage aufgeklärt. Mit der unmißverständlichen weil nachdrücklich formulierten Aufforderung, SOFORT via Fax an die Klinik die uneingeschränkte Kostenübernahmerklärung zuzusenden. Hat geholfen.

Auf Station dann vom Zimmerservice in die Gepflogenheiten und den Ablauf der bevorstehenden Geschehnisse eingewiesen. Als der Hinweis kam, dass wir zum Buttern in die Cafete zu rennen hätten, protestierte ich: ich sei schließlich nicht aus Spaß im Krankenhaus, nach der OP womöglich schwerstbehindert und möchte mein Essen ans Bett. Wofür sonst hat das Tischchen hier an meinem Bett ein Tablett?

Ich bezog das Nachtlager am Fenster. Den Fernguckkasten über mir können die anderen sich teilen …

Eine Oberärztin hat mich auf den Siegerpodest gebeten. „Nur eben die Hose runterziehen, die Schuhe könnse anlassen …“. Da stand ich dann vor dieser Frau wie so’n vulgäres Schwein, dass sich zeigen will. Pfui. Die Ärztin meinte, sie wolle es den Patienten so einfach wie möglich machen, denn die Klamotten ständig an-und auszuziehen is’ja nu‘ auch so prickelnd. Ich geh‘ mal davon aus, dass die hier keine Zeit haben und warten wollen, bis sich der eine und andere aus seinem Pelz geschält hat.

Sie nahm dieses Utraschalldings und schmierte mich mit dem ekligen Plödderzeugs ein, das man mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr von der Pelle gewischt bekommt. Schon gar nicht mit diesem billigen grauen Recyclingpapier aus dem Spender, der auf jedem Scheißhaus hängt.

Die Prozedur kenn‘ ich doch! Jetzt SCHON WIEDER?

„Wir müssen bei der OP ja wissen wo wir lang müssen …“, nahm einen schwarzen wasserfesten Edding und bekritzelte damit meine kahlgeschorenen Beine. In der Schule hätte ich dafür mindestens ’ne Rüge ins Klassenbuch geschrieben bekommen.

2019-02-13 - Krampfader-OP - hier gehts lang
2019-02-13 – Krampfader-OP – hier gehts lang
Mit drei Mann auf der Bude

Der eine um die 35, wahrscheinlich Junggeselle und noch bei Mama wohnend. Etwas dicklich und introvertiert und auch etwas sehr schüchtern. Umkleiden ging bei ihm nur, wenn keiner guckt. Das OP-Leibchen hat er auf’m Klo angezogen. Aber er war sehr freundlich, ruhig und ein angenehmer Gesprächspartner, der seine Worte angemessen und überlegt wählen konnte, ansonsten aber nicht viel gesprochen hat. Was auch gut war, denn wenn drei durcheinanderquaken, wird’s nur laut und unbequem.

Der andere um die 25. Äußerlich schlank wirkend, bei näherem Hinsehen dann doch die eine und andere Speckfalte. Redselig und locker. Entspannt wirkend. Könnte ggfls. auch nervend weren, wenn der sich ständig mitteilen will. Allerdings war die Kommunikation bei ihm auf eher lustigem Niveau.

Operation

Ich war der Letzte. Wie immer. Ich musste warten. Wie immer. Eigentlich muss(te) ich in meinem Leben immer auf irgendwas oder irgendjemanden warten. Das zieht sich wie ein roter Faden. Das nervt. Auch jetzt. Ich hatter Termin um 12:00 Uhr. Und es war mir ein Rätsel, ob ich nach dem Schlachten noch an den den Trog komme. Die Sorge wurde vom Zimmerservice zerstreut: Sie bekommen nach der OP auf jeden Fall ihr Häppchen. Die Küche macht’s für Sie warm.

Sowas wirkt dann schon wieder beruhigend auf mich.

Und mit der innerlichen Ruhe und Gewissheit, dass mein Kohldampf gleich wieder wech ist, ließ ich mich auf meiner Couch in den OP rollen. Selber laufen is‘ nich, so wurde meine Frage beantwortet. „Wollnse denn, dass man Ihnen auf den nackten Hintern glotzt?“. Och, nojoah, ich hab nix zu verbergen. Und hängen tut da auch nix, so dachte ich bei mir, legte mich dann aber trotzdem artig auf die Pritsche.

In der OP-Etage kam ich mir vor wie im Durchgangslager: auf dem Flur abgestellt und von einer OP-Assistenz verdrahtet. Ich solle doch mal was erzählen, so quakte so mich voll. Brauch ich nich‘, Sie quatschen ja schon die ganze Zeit. Und wo mein „Schluck“ bleibt. Vor so’ner OP kriegt man doch immer so’n Schnaps, damit man ruhiger wird und so. Die Tablette, die ich bekommen hab, wirkt genauso, so versuchte sie mein Begehr auf subtile Art abzuwehren. Tja, dann eben nicht. Also wieder warten. Ohne Beruhigungsmittel. Die Zeit zog sich wir Kaugummi, während neue Patienten aus den Zimmern und bereits operierte aus den Schlachtsäälen in den Flur an mir vorbei geschoben wurden.

Ich hasse warten. Anscheinend wissen die hier das auch …

Es war lange nach 14:00 Uhr, dann war auch ich an der Reihe. Der Narkosearzt machte keine Witze: er hat tatsächlich NOCHMAL gefragt, ob ich rauche, Medikamente nehme und andere narkosehemmende Schweinereien veranstalten würde. Alles schon beantwortet, Meister. Sowohl schirftlich als auch mündlich. Und jetzt schon wieder? Ich weiß, dass die Jungs hier im Akkord schlachten. Also schnell meinen Spruch runtergespult während mir die Leitung gelegt wurde.

Den Operateur vorsichtshalber nochmal angespitzt, dass die mich bitte SANFT behandeln sollen. Ich hab nämlich Knie und Rücken. Und ausserdem hätte ich gerne als letzten Wunsch meine alten Schläuche für zum Mtnehmen eingetütet. Der guckte erst verdutzt. Und als ich ihm dann erklärte, dass wir uns hier ja im katholischen Klinikum befinden und ich mich irgendwann mal VOLLSTÄNDIG verheizen lassen will, hat er mein Anliegen ohne weitere Fragen abgenickt. Geht doch.

Dann bekam ich ’ne Maske auf und sollte mal schön tief durchziehen. Reiner Sauerstoff. Schon lange nicht mehr so gut durchgeatmet. Hat aber leider nicht gedauert. Da wurd’s dann kalt im rechten Arm. Das letzte was ich sah, war das ernsthaft besorgte Gesicht des  Narkosearztes. Ich erinnerte mich an das Versprechen der bevorstehenden „Traumreise“ und stellte mir vor, dass ich auf dem Weg ins Elbsandsteingebirge bin.

Die Reise hab ich nicht mitbekommen. Nach ’ner Dreiviertelstunde wurde ich geweckt, stand ’ne halbe Stunde auf’m Flur rum, wurde dann auf’s Zimmer geschoben und sollte nach einer weiteren halben Stunde die Gummisocken anziehen. Hab ich artig gemacht. Von Schmerzen oder Übelkeit keine Spur. Ich guckte zufällig in meinen Nachttischschrank: da lagen sie, die alten Schläuche. In einer Plastikdose mit Schraubverschluß konserviert. Die hab‘ ich direkt in die Jackentasche gesteckt. Säuglinge entfernt man nach der Geburt ja auch nicht sofort von der Mutter.

Die haben ihren Dschobb anständig gemacht, dachte ich und machte mich freudig auf zum Trog.

„Fahr’nse mal bitte mi’m Aufzuch, Treppe laufen is‘ noch nich‘ …“ meckerte die Schwester hinter der Theke.

Buttern in der Cafete

Mein Futter wurde tatsächlich warmgehalten. Wahrscheinlich genauso lange wie ich warten musste. So schmeckte das dann auch. Ich hatte mir Putengulasch á la Carte bestellt. Das beste an der Portion war der Brokkoli. Wobei ich Brokkoli nur im Ernstfall verzehre. Und weil ich keinen Bock auf Jokinganzüge hab, hatte ich mich in gewohnte Straßenbekleidung gehüllt. Wurde deshalb in der Cafete beim Abfüttern zuerst auch gar nicht als Hilfesuchender erkannt, sondern eher als Einäugiger unter Blinden wahrgenommen. Nur über mein Armbändchen, dass die mir aufr Station wie auf der Säuglingsstation umgelegt hatten, konnte ich mich als berechtigter Hungriger identifizieren lassen.

Verdauungsspaziergang

Man sagte mir auf Station, ich solle viel laufen und liegen. Sitzen und stehen sei Gift. Ich hab die Anordnung beherzigt und rannte nach der mangels Masse nur kurzen Fütterung direkt raus in den Park und machte bis Torschluß ausgiebige Runden. Von anderen Patienten keine Spur …

Ich trabte dann bis nachts halb 12 durch die Gänge. Vor allem trabte ich über die üppige  Dachterrasse. Die nur temporär gut besucht war, aber meistens war ich alleine. Das war gut so. Vor dem Heijamachen griff ich noch ’ne Schlafpille und ’n Becherchen Novalgin ab.

Die beiden Zimmermitbewohner wollten plaudern. Mir egal. Das Zeug wirkt …


°loco°


°ego sententiam°

Bis jetzt war alles tutti. Keine Schmerzen. Keine anderen Malessen. Bis auf das schlechte Essen ging’s mir echt gut. Ich hatte nur gehofft, morgen auf’n Pott zu können. Ich hatte seit drei Tagen nicht gekackt…

°supplementum°

Kein Nachtrag erforderlich.


°illustrationen°: