2020-06-02 – Kanalrundfahrt

2020-06-02 – Kanalrundfahrt

°descriptio°:

Nach dem Kaffee erst mal die Bilder von gestern gesichtet.

Das geht noch besser. Falls ich die passenden Trophäen finde.

Ich hatte dann doch mal wieder zu lange überlegt.

Und war erst um halb Eins mit dem Drahtesel auf der Piste.

Das Ziel sollte wieder der Hafen Herten sein. Oder genauer: das Gelände des ehemaligen Klärwerks Herne.

Allerdings war es jetzt schon spürbar warm. Was nach den vergangenen Wochen mit frostkaltem Ostwind schon sehr willkommen war.

Nur die lieben Kleinen mochten die Hitze wohl nicht so gerne und haben sich in schützende Verstecke und somit für mich unauffindbar zurückgezogen.

Hätte ich besser mal früher den Esel gesattelt.

Mangels Trophäen juckelte ich erst direkt zum Kanal an die Stelle, wo die Feuerwehr gestern eingreifen musste. Die verstrahlten Pfingstochsen hatten keinen Flächen- oder Buschbrand gelegt, sonden nur in einer Blechschale gezündelt. Oder versucht zu grillen. Was wohl aufmerksame Spaziergänger veranlasst hat, einer drohenden Ausbreitung des Feuers aufgrund der knochentrockenen Botanik mit Hilfe der Ordnungskräfte Einhalt zu gebieten. Die Feuerwehr hat ’n Eimer Wasser über den Grill gekippt und das alte mit Birken umwachsene Gemäuer mit Flatterband umspannt. Als ob das bildungsferne Idioten von weiterem Unsinn abhalten würde…

Ein paar Meter weiter an der Kanalmauer dann das nächste traurige Schauspiel der gleichen Klientel: wahllos abgehackte Äste, die halbverkohlt auf Einweg-Grillschalen lagen. Und Müll und Glasscherben soweit das Auge reicht. Die Penner sind in der Lage und schleppen das ganze Zeug ran, aber nach dem Gelage lassen die besoffenen Volltrottel ihre Scheisse einfach liegen.

Ansonsten war hier ausser Müll nichts zu finden und ich nahm den mir noch unbekannten Weg am Kanal entlang.

Direkt hinter der ersten Kurve entdeckte ich noch eine uralte Eisenbahnbrücke. Auch ein Relikt aus vergangenen glorreichen Hafenzeiten. Bei nächster Gelegenheit – im Winter – nehm ich mir die nochmal vor. Im Moment ist mir das für sowas zu grün.

Am Umspannwerk endet der nördliche Weg am Kanal. Und zwang mich zur Überlegung, wohin ich reiten soll.

Ich entschied mich zur östlichen Richtung. An MATADOR und der Stadthafen-Knalltütenbude und an der Mühle vorbei um wieder am Kanal in Richtung Bladenhorster Forst zu strampeln.

Hinter der Schleuse Ost erblickte ich die liebreizende Familie Blässhuhn. Mutti hat ihr einziges Lütti gehudert und Vatti schaffte Nahrung für beide ran. Objektivwechsel hat nichts gebracht und ich kam nicht näher ran. Ich war wieder mal zu langsam.

Im Sumpfgebiet des Bladenhorster Forsts erhoffte ich mir die Begegnung mit dem Silberreiher. Statt dessen haben mich die Mücken überfallen und ich nahm die Einladung zum Essen nicht an. Nur allein für ’ne Wasseratte wollte ich mich keinesfall leersaugen lassen.

In der Brandheide angekommen wiederholte sich der Eindruck vom Hafen Herten: die Natur ist explodiert und hat alle mitgerissen. Noch nicht mal Schmetterlinge waren unterwegs.

Ernüchtert und von Angstschweiss durchnässt trat ich in die Pedale und den Rückweg über den EmscherValleyWay an.

Hier hat sich innerhalb von 3 Jahren so einiges verändert. Die Emscher ist bis Pöppinghausen schon fast wieder zu einem Naturflusslauf geworden und stinkt auch nur noch ein bisschen, was die Wasservögel anscheinend überhaupt nicht stört. Kurz vor dem Recklinghäuser Südfriedhof werden aber von Herne aus immer noch menschliche Fäkalien eingeleitet und vermischen sich mit dem sauberen Wasser. In 30 Jahren werden hier sündhaft teure Grundstücke verkauft sein und mediterran gestylte Häuser stehen. Spätestens dann kommen auch hochglanzweisse Dachziegel in Mode. Das ist der Plan. So macht man buchstäblich aus Scheisse Gold. Und genau das steht auf dem Baustellenschild der Emschergenossenschaft. Mit dem unmissverständlichen Hinweis, dass an der Emscher kein Naturschutz zu erwarten sein wird, sondern stattdessen die lukrative Zukunft des Unternehmens entsteht. So hatte man hier seinerzeit den Leuten auch den Bergraubbau verkauft. Das einzige Problem der Emscher-Renaturierung wird wohl auf Dauer das auf natürlichem Wege eingeleitete Wasser sein. Prognosen zufolge wird in nicht allzu ferner Zukunft Köln zu Kairo. Dann braucht man nicht mehr so weit fliegen, um auf Kamelen in der Wüste zu reiten …

Der Südfriedhof war wohl schon mal besser belegt. Gut möglich, dass Angehörige und Betroffene zu Lebzeiten Abstand davor genommen haben, den ansonsten recht beschaulichen Gottesacker zu besiedeln. Es soll ja mittlerweile andere interessante Möglichkeiten geben, die Natur mit seinen sterblichen Überresten zuzumüllen (was anscheinend eine ganz spezielle menschliche Eigenschaft zu sein scheint – Meisen machen auf dem BallKong auch Dreck, aber anders). Die Felder im Ostteil sind fast leer. Und auf dem Feld der muslimischen Gemeinde stockte mir dann doch etwas der Atem. Hier sieht es auf überdurchschnittlich vielen Gräbern so aus wie früher in Laramy im Wilden Westen. Ich bekam den aufdringlichen Eindruck, dass die Verstorbenen vom ortsansässigen Undertaker nur notdürftig verscharrt wurden: Loch auf, Sarg rein Loch wieder zu, Tischplatte vom Sperrmüll als Grabtafel mit nem Zettel dran und fertig. Das Nachbargrab hingegen war schon fast übertrieben und vermutlich sündhaft teuer ausgestattet mit schwarzem Marmor und edler Deko. Mir ist der Totenkult der Muslime ein Rätsel. Christliche Gräber sind irgendwann vor allem mangels zuständiger Angehöriger auch irgendwann verwahrlost. Aber nicht innerhalb von 2 Monaten. Und schon gar nicht bei Kindstot.

Ein verwahrlostes Grab, so meine ich, zeugt ja nun mal entweder von der mangelnden Zuneigung zum Verstorbenen oder von Geldnot oder von Angehörigen in weiter Ferne.

In den ersten beiden Fällen wäre es aus meiner Sicht doch wohl im Sinne aller Beteiligten angebrachter, wenn der Verstorbene eingeäschert und anonym bestattet werden würde.

Das würde auch das Restmüllproblem bei Ablauf der Mietzeit lösen. Denn nach 20 oder 30 Jahren landet der ganze ehemals teuer bezahlte Plunder im Müllcontainer. Und die unterirdischen Überreste finden ggfls. übergangsweise noch mal n Plätzchen im Sammelsurium des Gebeinhauses (sofern beides vorhanden).

Von Totenruhe kann da ja wohl überhaupt keine Rede sein.


°loco°

Bei ’ner Rundreise gibt’s keinen Ort.


°ego sententiam°

Man kann und sollte immer mal ’ne Meinung zu Dingen haben, auch wenn die einen nichts angehen.

Bestattungskult geht mich überhaupt nichts an, weil das jeder für sich selbst klarmachen muss.

Und mit ehemaligem, aktuellem und zukünftigem Raubbau an unterirdischen Bergen und überirdischer Natur hab ich auch nix an der Mütze. Weil ich den wahnsinnigen Scheiß eh nicht aufhalten kann.

Aber ich hab ’ne Meinung dazu.

°supplementum°

An dieser Stelle wird nix nachgetragen.


°illustrationen°:


°navigation auxilium°

… man könnte auch Navigationshilfe drauf sagen. Ab hier geht’s irgendwie weiter …