°descriptio°
Vor 50 Jahren stand ich schon mal hier zu diesem Anlass am Wall der dekadenten Hauptstadt des flächengrößten Kreises der Republik (bevor die deutsche Teilung aufgehoben wurde).
Der Wall des Mittelalters diente dazu, niemanden hier rein zu lassen. Mit der Ablehnung der U-Bahn zieht sich der Gedanke der Stadtverwaltung also wie ein roter Faden fort. Mit der Restaurierung der BAB43 haben die Stadtvergewaltiger allerdings einen Schritt in eine andere Richtung gemacht. Doch nur für REh City, also dem direkten Stadtkern, der vor dem Ratlosigkeitshauses liegt. Vor allem für den ominösen Palast, dessen unverschämte Ladenmieten bewirken, dass Lebensmittelhändler keine Zukunft drin sehen und mittlerweile nur an Geschäfte vermietet wird, deren Produkten ebenfalls unverschämt teuer sind.
Die südlichen Stadtteile sind denen offensichtlich egal und werden nicht beachtet und sind zum Niemandsland verkommen, weil HER auch kein Interesse an denen hat.
Heute ist der Wall zum Rundkurs geworden. Der passenderweise am Rathaus 5-spurig und im besten Zustand ist. Also bestens geeignet, um da – wie vor 50 Jahren – den Kirmesumzug stattfinden zu lassen. Was REh mit dem Karneval zu tun hat, hab ich mich bereits als 12-jähriger gefragt. Und vor 50 Jahren schon festgestellt, dass das Event eigentlich nur von den Hochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz geklaut wurde, um es in einem angepassten Format hier dem Pöbel zu präsentieren.
Der nimmt derartige Unterhaltung natürlich gerne an, denn nicht jeder hier in REh ist Beamter, Lehrer, Arzt, Rechtsanwalt oder anderweitig mit teurem Tuch gewandet und an Brot und Spielen eher nicht sonderlich interessiert. Natürlich wohnen hier auch einfache Leute, die aber allemal reichen, den Umzug zu säumen und den lieblos von den Werbewagen ins Volk geschmissenen Nutzlosigkeiten hinterherzuhecheln. Was die Stadtreporter freut, weil so der Beweis geführt wird, dass in REh was passiert, das Touristen anziehen wird, so die Hoffnung der Ratlosenmitundohneglieder des schönsten Ratlosenhauses im Museum der Republik …
Vor 50 Jahren war’s genau SO: Bekloppste, die sich unter die Umzugswagen schmeissen wollten, um an die auf dem Asphalt liegenden Zuckerklümpkes zu gelangen, und die Profiasis, die keinen Anlass auslassen, um sich hemmungslos dem Suff hinzugeben. Vor 50 Jahren hatten diese Menschen schon keine erkennbare eigene Würde und entleerten sich in der Öffentlichkeit aus allen ihren Löchern. Das wirkte alles dermaßen abstoßend auf mich, dass ich entsetzt meiner Mäm davon erzählte. Denn in Schleswig-Holstein gab’s sowas nicht. Die einzigen, die sich bei uns wie ’ne offene Hose benommen haben, waren die ekligen Hamburger.
Die Zaungäste hier haben sich in 50 Jahren also nicht geändert, deren fragwürdiges Verhalten auch nicht.
Nur die Umzugswagen sind größer geworden. Heute fährt man mit riesigen LKW-Zugmaschinen und zieht noch größere Anhänger mit, die überdacht, mit Bierzeltgarnituren, einer ohrenbetäubenden Beschallungsanlage und mindestens einem DIXIE-Klo ausgestattet sind. Besetzt sind diese rollenden Diskokneipen mit Angehörigen der Organisation, für die der jeweilige LKW Werbung macht. Es sind also keine kunstvoll gestalteten Themen-Wagen wie in D-Dorf oder Mainz oder Köln, sondern reine und zudem hässliche Saufgelageabfeierkisten, die innerhalb von einer knappen halben Stunde zweimal den lächerlichen Wall umrunden, um dann auf dem Konrad-Adenauer-Platz wieder geräumt zu werden. Und trotzdem machen die mit ihrem Bohei soviel Dreck, dass die Bediensteten der Stadtreinigung trotz voller Belegschaft und unter Einsatz von schwerem Gerät doppelt lange braucht wie der Umzug, um die unglaubliche Müllmenge wieder zu beseitigen.
So ein unfassbarer Blödsinn, das Ganze …
Ich weiss, warum ich kein Fan vom Karneval bin. Jagut, ich hab wohl auch nicht reingespuckt, wenn’s was unter Beigabe alkoholischer Getränke zu Feiern gab. Auch wenn’s nix zu feiern gab, hab ich geschluckt was reinpasste. Aber ich hab wohl schon immer aufgepasst, dass mir die Hose nicht in die Knie rutscht und dass ich möglichst da gekotzt habe, wo mich keiner sieht. Für meinen Suff hab ich mich also nicht geschämt. Aber für das, was der mit einem macht.
Und genau das sehen diese Menschen hier anders und gehen – wie überall – einem mit ihrem rücksichtlosen Verhalten nur auf den Sack.
Wofür die ja eigentlich nix können, weil die Ratloshausbediensteten denen das ja quasi so vorleben mit der Respektlosigkeit, Rücksichtslosigkeit und Dekadenz, die in dieser Stadt von oben kommt und scheinbar seit gefühlter Ewigkeit unten deshalb als selbstverständlich und normal wahrgenommen wird.
°loco°
Am REhRatloshaus mittendrin statt nur dabei.
°ego sententiam°
Ich wurde zu diesem denkwürdigen Event quasi eingeladen, denn von selbst wäre ich nicht auf diese Idee gekommen. Allerdings war die Einladung mit gutmütigem Hintergrund. Kalle wollte sich mit Verwandschaft am Rathaus treffen und fragte mich, ob ich Lust hätte, auch mitzukommen. Ausserdem könne man sicher tolle Fotos machen …
Gut, dachte ich, klingt nach ’nem Plan. Und weil es ein ernsthaftes Jubiläum für mich war und ich gespannt drauf gewesen bin, wie sich denn wohl so’n Rosenmontagsumzug nach 50 Jahren entwickelt hat, sagte ich mutig zu. Denn ich war damals vor 50 Jahren das erste Mal da, und bis heute dann aus tief empfundener Abscheu nie wieder.
Allerdings gehört ’n Teil von Kalles erwachsenem Anhang zur Klientel der Kniebundhosenträger. Kein schöner Anblick, wie ich fand. Und kein Grund für mich, mit denen näheren Kontakt zu pflegen. Was ohnehin aufgrund der deutlich unterschiedlichen Intellekt-Kapazitäten zum Scheitern verurteilt wäre.
Die Kinder derer haben allerdings Potential, so fand ich heraus. Die wissen genau, was sie wollen, können das auch so kommunizieren und sind zuversichtlich, werden nur leider oft von deren Eltern ausgebremst. Bleibt zu hoffen, dass die heranwachsende Generation die Schatten ihrer Herkunft hinter sich lassen können und ihren und damit für sie besseren Weg gehen werden.
°supplementum°
Als konträr ergänzenden Nachtrag könnte man den nachfolgenden Beitrag betrachten …
°illustrationen°:
°navigation auxilium°
… man könnte auch Navigationshilfe drauf sagen. Ab hier geht’s irgendwie weiter …












































