°descriptio°
Mir konnte vorher keiner sagen, was genau ich hier erwarten würde.
Was mir eigentlich auch erstmal egal erschien, bis zu dem Zeitpunkt, als ich eine unsichtbare Grenze überschreiten musste, die sich irgendwo an einer Fußgängerampel befand.
Ab da trat ich ein in eine Welt, vor der mich als Kind schon meine Eltern gewarnt haben: ein verkaufsoffener Sonntag, dessen Sinn sich mir noch nie erschlossen hat, weil ich der Meinung war und bin, dass dem insgesamt hoffnungslos reizüberfluteten Pöbel die Wochentage doch eigentlich ausreichen sollten, um seine mittlerweile stark schwindenden Taler bei den örtlichen Krämern zu verteilen.
Und heute nicht genug mit den offenen Geschäften, die ja zumeist nicht nur inhabergeführt sind und deshalb auch Menschen beschäftigen, die den neugierigen aber auffällig kaufschwachen Interessenten unterhaltsam beraten müssen und das auch nicht umsonst machen wollen.
Die verstrahlen Stadtmarketinghansel und die Händlerorganisationen sind tatsächlich immer noch der Meinung, dass die Leute am Sonntag mehr Kohle ausgeben würden als in der Woche zu den normalen Ladenöffnungszeiten. Der Gedanke ist genau so abwegig und mittlerweile genauso hinfällig wie die fast zur gleichen Zeit getroffene bescheuerte Entscheidung, die „Sommerzeit“ einführen zu müssen, weil so’n weltfremdes Arschloch der insgesamt auffällig irrsinnigen aber damals schon politisch völlig korrekten Meinung war, dass man dadurch angeblich Energie sparen würde.
Was sich nach einer Testphase von 3 Jahren oder so tatsächlich dann doch nicht so wie erwartet entwickelt hat (wen wundert’s) und sogar damals schon das Gegenteil der Fall gewesen ist – es wurde nicht gespart, statt dessen wurde mindestens die gleiche Energie verballert und tendenziell nahm der Verbrauch durch die Zeitumstellung nachweislich sogar zu.
Aber man hat trotzdem an dem Scheiß festgehalten, vermutlich deshalb, weil man das gewöhnliche Volkshirn damit schön weich kochen kann und die dann noch bekloppster werden, was ja offensichtlich auffallend stimmt, wenn man mal so in die Runde guckt …
Die halbjährliche Zeitumstellung hat sich also als nutzlos, ja sogar als überflüssig und dem Grunde nach als absolut sinnlos herausgestellt, wird aber trotzdem gnadenlos durchgezogen und keiner kann erklären, warum. In Amiland hamse auch mehrere Zeitzonen und da kommt niemand auf die Idee, die Zeit an der Ostküste mit der Zeit an der Westküste des Kontinents in dieser Art und Weise abzugleichen, um irgendwelche Fahrpläne zu vereinheitlichen. Da steigt man in ein öffentliches Transportmittel seiner Wahl ein und weiss, dass man bei Ankunft am Ziel die dort geltende Uhrzeit einstellen muss, falls man gezwungen ist, die als Vorgabe zu beachten.
Mit den verkaufsoffenen Sonntagen verhält es sich genauso wie mit der „Sommerzeit“: die bringen NIEMANDEM was und werden trotzdem nicht abgeschafft, auch wenn es im Interesse und zu Gunsten der Bewohner der betroffenen Stadtbereiche ist, die ein Recht auf die gesetzlich verbriefte Sonntagsruhe haben.
Und dass die Sonntagsruhe erheblich gestört wird, konnte ich heute durch die Präsentation genau DER Fahrzeuge erleben, die allein schon mit ihrem enormen Eigengewicht die Infrastruktur dieser Gegend in Schutt und Asche legt. Wie kommen die Schwachköppe auf die Idee, ihre strassenzerstörerischen Zugmaschinen dem Pöbel näherzubringen? Suchen die jetzt Freunde? Oder wollen die zeigen, dass ihre Schwerlastkarren dolle Technik sind, die es zu bestaunen gilt, weil’s heute mal kostenlos ist? Aber auch DAS gehört mittlerweile zum ganz normalen Wahnsinn, der sich mittlerweile überall hier im Museum der Republik nicht mehr aus- und aufhalten lässt …
Ich ging die ersten Meter der Straße wie gelähmt und bekam Schnappatmung und ich fragte mich, was ich hier eigentlich mache oder hier machen soll …
Der Kalle war aber in seinem Element und nahm vor die Linse, was er kriegen konnte.
Was aus meiner Sicht und meinem Geschmack nach nun wahrlich nicht viel war, das in (m)ein fotografisches Boiteschema passen könnte, mir aber dann die Gelegenheit verschaffte, eine Knipstechnik auszuprobieren, die ich sonst niemals freiwillig anwenden würde.
Denn Sinn macht die schon in diesem Ambiente, auch wenn ich glaube, dass die „Besucher“ eigentlich nur mit sich und dem Warenüberfluss beschäftigt sind und sich maximal nur über die exorbitant gestiegenen Preise und ihre eigene schwächelnde Kaufkraft ärgern und gar nicht bemerken, dass man sie unerlaubt fotografiert.
Aber man will ja in seiner anlassbezogenen temporären Eigenschaft als Pöbelpaparazzi nicht auffallen und schon gar nicht den verträumt daherschlendernden und augenscheinlich schlafenden deutschen Michel wecken.
Die Kamera hab ich quasi zur Tarnung auf meiner Bauchtasche abgelegt und so getan, als wenn ich die nur so festhalte und die auch nur dann zum bestimmungsgemäßen Einsatz bringe, wenn ich als auffällig unauffälliger Touri die Warenauslage oder ’ne Kirche oder sowas hier knipsen will. Denn zum Knipsen muss so’n Ding ja bekannterweise ans Auge gehalten werden. Und wenn die nicht am Auge ist, wird damit auch nicht fotografiert, so das landläufige Halbwissen derer, die ihre Mobilbimmel auch so vor den Augen positionieren, dass sie sehen, was sie damit knipsen. Mein Vorgehen lässt die ansonsten grobschlächte Erscheinung des Knipskistenensembles dann harmlos erscheinen und keiner beschwert sich, so war mein Plan, der im Verlauf dieser Expedition dann auch relativ erfreulich für mich aufging …
Allerdings bedarf diese Art der fotografischen Bildgestaltung dann schon einiges an Übung und Erfahrung. Denn die Abhängigkeiten von Motiv-Entfernung, Brennweite und Anstellwinkel des Kameraobjektivs musste ich erst verinnerlichen um zu halbwegs ansehnlichen Ergebnissen zu kommen. Es ist daher ein großer Vorteil, dass wir im Zeitalter der digitalen Fotografie leben, und dass elektrische Bilder erstmal nix kosten. Das ist aber auch der einzige Vorteil, weil das andere auch wissen und in jeder Sekunde eine Milliarde Fotos in die asozialen Netzwerke pumpen, und diese inflationäre Bilderflut den Wert eines einzelnen Bildes nicht mehr schätzbar machen und dessen angemessene Würdigung schlußendlich verhindern. Dazu ist das reizüberflutete Beurteilungsvermögen der Betrachter auch gar nicht mehr in der Lage, und man will als Hobbyknipskistenartist sowas auch niemandem mehr abverlangen wollen …
Egal.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt an Erfahrung und Spass. Das allein ist es, was (nicht nur heute) für mich zählt …
°loco°
°ego sententiam°
Es hat dem Stadtmarketing nicht gereicht, dass nur die Geschäfte am Sonntag geöffnet hatten. Nein, es mussten auch noch fahrende Wochenmarkthändler aus Holland einfliegen (die sogen. ominösen „Fliegenden Holländer“), um ihre hoffnungslos überteuerten Produkte unters auffällig stumpfsinnige und überwiegend hoffnungslos (nicht nur geistig) verarmte Volk zu mischen.
Und damit nicht genug: damit die passend zum bevorstehenden und auf das neuzeitlich getrimmte Hällowien-Iwent gruselig anmutende Verkaufskirmes keine Standlücken hat und der gemeine Schwachmatenpöbel nicht mehr wissen darf, wo zuerst hingeguckt werden soll, wurden auch noch Kleinsthändler platziert, die unter bemerkenswerten Umständen ihren Tand und Nepp unter aufdringlichem Hinweis dessen fragwürdigem Alleinstellungsmerkmals feilboten.
Der aussenstehende und seiner geistigen Kräfte noch halbwegs mächtige Betrachter des Ganzen fragt sich stirnrunzelnd: WER KAUFT SOWAS UND WARUM SOLLTE MAN SOWAS HABEN WOLLEN !?
Ich kam mir vor wie auf ’nem zeitgenössisch gepimpten Mittelaltermarkt 2.0 und war froh, als ich den Veranstaltungs-Scheiß, der mir persönlich ohnehin gerade auf’m Sonntag als hoffnungslos überflüssig und nervtötend erscheint, dann wieder hinter mir lassen konnte.
Sicher ist, dass ich nicht mehr an SOWAS und schon gar nicht Sonntags dran teilnehmen werde, weil ich weder das Interesse an derlei Waren noch das nötige Geld für dessen Erwerb habe und ich deshalb nicht zur geeigneten Zielgruppe gehöre.
Als Zaungast vielleicht.
Dann aber auch – wie heute – möglichst kurz, und dann auch nur, um meine knipskistenartistischen Skills etwas zu verfeinern …
°supplementum°
Kein Nachtrag erforderlich.
°illustrationen°:
Tipp für die Ansicht in der Galerie:
drücke Taste F11 und blende mit dem Icon „Vollansicht“ (in der Galerieansicht rechts oben in der Mitte) den Text aus, dann siehst Du nicht nur winziges Internetzimpressionsgeschnipsel.
°navigation auxilium°
… man könnte auch Navigationshilfe drauf sagen. Ab hier geht’s irgendwie weiter …




































































































